Isotopen-Untersuchungen zufolge ist der Mensch nahe am Wasser gebaut. Entweder ist er bei seinen Wanderungen Flussläufen oder Küstenlinien gefolgt oder hat sich in der Nähe von Seen niedergelassen. Der Autor dieses Artikels, Graham A.W. Rook vom University College in London (Centre for Clinical Microbiology), stellt die interessante Hypothese auf, dass Menschen ein evolutionär bestimmtes Verlangen besitzen, sich der Natur auszusetzen.

Hoch entwickelte Länder offenbaren einen dramatischen Anstieg chronischer Entzündungserkrankungen. Wie lässt sich dieses Phänomen erklären? Rook erklärt es damit, dass die immunregulatorischen Prozesse des Menschen normalerweise Entzündungsreaktionen abschalten, wenn sie nicht gebraucht werden. Im Umkehrschluss bedeutet das: unser Immunsystem scheint heutzutage nicht mehr in der Lage zu sein, Entzündungen vollständig stoppen zu können oder zu wollen. Sichtbar wird dieser Umstand an den chronisch erhöhten CRP-Spiegeln im Blut des modernen Menschen. Das C-reaktives Protein ist ein sogenanntes Akut-Phase-Protein aus der Leber, dass vor allem bei Infektionen stark ansteigt. Dabei bindet es an Makrophagen (Fresszellen) und aktiviert das unspezifische Immunsystem. Dieser Prozess hat einen entscheidenden Geschwindigkeitsvorteil, denn das träge adaptive Immunsystem würde in Akutsituationen zu lange brauchen, bis es anspringt.

Untersuchungen in Dritte-Welt-Ländern zeigen, dass Kinder, die in einer Umwelt mit hohen Belastungen durch Bakterien, Würmern und anderen Parasiten aufwachsen, akute Entzündungen besser eindämmen können. So sorgen beispielsweise Helminthe (Würmer, die in den Eingeweiden von Menschen und Tieren schmarotzen) für eine Immunregulation durch Aktivierung T-regulatorischer Zellen. Interessanterweise kommen die Entzündungsprozesse einer Multiplen Sklerose zum Stillstand, wenn Patienten plötzlich auch von einer Helmith-Infektion betroffen sind. Rook postuliert, dass der moderne Mensch den Kontakt zu unserer „alten Freunde“ wie Würmer, Parasiten, Salmonellen, Helicobacter pylori, Mikrobiotika anderer Menschen und der Natur (Luft, Tiere, Verschmutzungen und Pflanzenstoffe) inzwischen verloren hat. Die Abwesenheit dieser alten Freunde in urbanen Lebensräumen sei seiner Meinung nach verantwortlich für den starken Anstieg von Allergien, Autoimmunerkrankungen und chronsichen Entzündungen des Darms (Morbus Crohn, Colitis ulzerosa) und des Nervensystems (Multiple Sklerose, ALS). Ähnliches gilt auch für psychische Erkrankungen: Depressionen liegen in urbanen Lebensräumen 39%, Angststörungen 21% höher im Vergleich zu ländlichen Habitaten. Wenn Menschen aus Ländern mit niedrigem Einkommen in Länder mit hohem Einkommen einwandern, steigt die Rate an Autoimmunerkrankungen, chronischen Darmentzündungen, Depressionen und Allergien exponentiell an. Das genetisch homogene Gebiet Karelien, zwischen Finnland und Russland gelegen, gibt einen weiteres Indiz für Rooks Hypothese, dass die verlorene Biodiversität für die vielen allergischen Syndrome verantwortlich zeichnet: auf der finnischen Seite ist die Prävalenz von Typ 1-Diabetes 6x höher, juvenile Atopie (allergische Überempfindlichkeiten im Kindheitsalter) 4x höher als auf der russischen Seite, wo Menschen mit vielen Tieren zusammen leben.

Rook sieht insgesamt 2 wesentliche Faktoren, die den positiven Einfluss der Natur auf den Menschen ausmachen: Faktor 1 ist von psychologischer Güte, denn Studien belegen den relaxierenden Effekt eines Jäger-Sammler-Daseins „in der freien Wildbahn“ – insbesondere in Zeiten zunehmender Psychosen in urbanen Gesellschaften kein zu unterschätzender Aspekt. Faktor 2 ist der Einfluss der Natur auf unser Immunsystem, denn viele Wissenschaftler gehen inzwischen davon aus, dass unsere heutigen Hygienestandards für die neuzeitliche Anfälligkeit gegenüber natürliche Allergene wie Pollen oder Katzenhaare verantwortlich sind. Sich der grünen Wiese auszusetzen, statt ein Büro- und Sofadasein zu fristen, führt zu einer verbesserten Immunregulation, niedrigeren Entzündungswerten und einer insgesamt gesteigerten Kontrolle inflammatorischer Prozesse durch ein effektiveres Immunsystem, dass vor chronischen Entzündungen, Herzkreislauferkrankungen und Depressionen schützt. Neben der Biodiversität natürlicher Landschaften tragen Bewegung und Sonnenlicht zu dieser Immunregulation in erheblichem Maße bei. Interessanterweise scheint das Landleben aber nur dann vor Allergien zu schützen, wenn man im Mutterleib und in der neonatalen Phase dort aufgewachsen ist. Später scheint sich eine Rückkehr in ländliche Gebiete zumindest auf die Allergieanfälligkeit nicht mehr auszuwirken. Dennoch: Um dem epidemischen Anstieg entzündungsassoziierter Erkrankungen die Stirn zu bieten, schlägt der Autor die Integration sogenannter GREEN SPACES vor, um ein Stück weit die ursprüngliche Biodiversizität natürlicher Lebensräume in die Städte zurück zu holen. Keine schlechte Idee für den moderne Jäger und Sammler!

Regulation of the immune system by biodiversity from the natural environment: An ecosystem service essential to health. GA Rook:  Proceedings of the National Academy of Science of the United States of America, 2013.

Zusammenfassung: Jens Freese

 

 

 

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