Fundamentale Veränderungen musste der Mensch während der neolithischen Revolution vor 10.000 Jahren, der industriellen Revolution vor 200 Jahren und der technologische Revolution in den vergangenen 30 Jahren durchmachen. Was ist aus uns geworden? Nicht nur, dass wir immer stärker metabolischen Erkrankungen leiden, sondern psychischen Störungen wie Burnout und Depressionen sind auf der Überholspur. Was läuft falsch in der Facebook-Ära?

Dieser Frage widmete sich die Forschungsgruppe um die bekannten Paleo-Experten Loren Cordain, James o`Keefe und Pedro Bastos in einem umfassenden Review-Artikel über den Zusammenhang unserer heutigen Ernährung und den westlichen Zivilisationserkrankungen: Die Idee, dass der moderne Mensch immer noch an die urpsrünglichen Lebensbedingungen der Natur angepasst ist, wird gestützt durch Studien über noch existierende Jäger-Sammler-Völker, die bislang nur marginal mit dem Lifestyle westlicher Prägung in Berührung gekommen sind. Die Autoren des Reviews zitieren mehrfach die berühmten Studien des schwedische Paleo-Forscher Staffan Lindeberg. In seiner sogenannten Kitava-Studie zeigte er auf, dass sowohl der systolische wie auch der diastolische Blutdruck sowohl bei den Einwohner der Insel Kitavan als auch unter Yanomami, Buschmänner (Koi-San), Xingu weitaus geringer ist als in industrialisierten Bevölkerungsgruppen, wo aktuell XY Milliarden Dollar ausgegeben werden, um den Blutdruck des moderne Büromenschen in den Griff zu bekommen. Das gleiche Bild im metabolischen Bereich: Lindeberg fand heraus, dass der HOMA-Index, also das Verhältnis von Nüchtern-Insulin zu Nüchtern-Glucose bei den Kitavans wesentlich niedriger liegt als in der schwedischen Bevölkerung. Darüber hinaus fand er auf der ganzen Insel keinen einzigen Übergewichtigen und niemand im Alter von 40-60 mit einem Body Mass-Index von >22.

Andere Forscher fanden eine höhere maximale Sauerstoffaufnahmekapazität (VO2max) bei traditionell lebenden Völkern im Vergleich zum Durchschnittasamerikaner, eine bessere Knochengesundheit und, was noch viel wesentlicher ist, eine niedrige Inzidenz typisch westlicher Zivilsationserkrankungen wie das metabilische Syndrom, Typ 2 Diabetes, Herzinfarkt, Krebs, Akne und Myopie – allesamt Erkrankungen, die mit einem gestörten Glucose- und Insulinstoffwechsel korrelieren. Die Autoren um Cordain führen das viel zitierte Gegenargument der geringe Lebenserwartung bei Jäger-Sammler-Völkern an. Heute ist die Lebenserwartung zwar höher, aber nicht etwa wegen der besseren Ernährung sondern aufgrund einer geringeren Säuglingssterblichkeit, verbesserten Hygienebedingungen, Impfungen, der Erfindung von Antiobiotika, verbesserter medizinischer Versorgung, weniger körperlichen Verletzungen und politischer Stablität.

Neben dem flächendeckenden Vitamin D-Mangel, zunehmenden sozialen Stressfaktoren und Schlafmangel (28% der amerikanischen Erwachsenen schlafen weniger als 6 Stunden) in westlichen Ländern führt die Gruppe Carrera-Bastos weiterhin die Veränderungen im Säure-Basen-Haushalt (z.B. nehmen 50% der Amerikaner weniger als die empfohlene Tagesmenge an Magnesium auf), die hohe Glykämische Last westlicher Industriekost und die hohe Antinutrient-Aufnahme durch z.B. Weizen-Gluten an. In Kitava, wo man fast ausschlielich Fisch, Kokosnuss, Früchte und Wurzeln verzehrt sind Autoimmunerkrankungen, Osteoporose, Typ 2 Diabetes und Herzkreislauferkrankungen unbekannt, während sie in westlichen Ländern stetig ansteigen. Der Mißbrauch von synthetischen Entzündungshemmern, Antaziden, Alkohol, Lektine, Saponine und Gliadin aus Kulturpflanzen steigern die intestinale Permaeabilität. Zudem erhöht Weizengluten das Protein Zonulin, das die Tight Junctions der Darm-Enterozyten zerstört, wodurch das angeborene Immunsystem aktiviert wird.

Ein weiterer wichtiger Unterschied ist die Makronutrient-Verteilung. In früheren Arbeiten zeigte Cordain auf, dass Jäger-Sammler-Gesellschaften deutlich mehr Proteine aufnehmen (19-35%). Das natürliche Protein-Aufnahme-Limit durch die begrenzte Entgiftungskapazität des Amminiaks durch das hepatische Harnstoffsystem liegt bei etwa 2,6-3,6 g/kg pro Tag. Das sind etwa 2 g/kg mehr als in westlichem Lifestyle üblich. Die Kohlenhydrataufnahme ist mit errechneten 20-44% gar nicht so gering. Wesentlicher Unterschied: Jäger-Sammler-Gesellschaften essen Kohlenhydrate ausschließlich über Obst und Gemüse und das je nach Region und Jahreszeit variabel.

Ein weiterer nicht zu unterschätzender Faktor ist das Thema Fett. Wie immer mehr Studien offen legen, so argumentieren auch die Autoren dieses Reviews, dass es weniger auf die Menge an Fett, sondern vielmehr auf die Art der Fettsäuren ankommt. So zeigen mediterrane Bevölkerungen, die hohe Mengen einfach-ungesättigter Fette über Olivenöl aufnehmen, eine wesentlich niedrigere Herzkreislauf-Sterblichkeit als in mitteleuropäischen Ländern. Einfach-ungesättigte Fettsäuren aus Olivenöl sind assoziiert mit einem besseren Blutlipidprofil, geringerem oxidiertem LDL, erhöhter Insulinsensitivität und niedrigerer Thrombogenese. Durch sein antimikrobielle Potential sorgen moderate Mengen an Kokosnussöl zusätzlich für eine Optimierung der Blutfettwerte. Darüber hinaus spielt der sogenannte Omega 6-3-Ratio eine führende Rolle bei der Entwicklung westlicher Zivilisationserkrankungen. Länder mit hoher Herzkreislaufsterblichkeit zeigen einen niedrigen Omega 3-Index (das Verhältnis der Omega-3-Fischfette EPA und DHA im Verhältnis zu allen anderen Fettsäuren in den Zellwänden roter Blutzellen). Linolsäure (eine Omega-6-Fettsäure, die in westlichen Ländern im Übermaß aufgenommen wird) aktiviert proinflammatorische Zytokine wie Il-6 und TNF-alpha, wodurch eine stumme Entzündungslage (Solent Inflammation) im Körper gefördert wird, die u.a. für arteriosklerotsiche Prozesse verantwortlich zeichnet. Kuipers et al. ermittelten, dass in ostafrikanischen Jäger-Sammler-Gesellschaften die Aufnahme von Fischfetten zwischen 1,7-14,2 g/Tag liegt, während in westlichen Ländern nur 0,1-0,2 g/Tag verzehrt werden. EPA und DHA fungieren als wichtige Grundsubstanz im Entzündungsprozess, wodurch bestimmte Lösungssubstanzen wie Resolvine und Protectine gebildet werden, die eine Entzündung im natürlichen Verlauf zu Ende bringen. Ein Mangel dürfte ein wichtiger Promotor der Silent Inflammation sein, die mit hoher Wahrscheinlichkeit der gemeinsame Nenner der meisten Killer-Erkrankungen in den Indsutrieländern sein dürfte. Unter dem Strich: die Autoren dieses exzellenten Reviews finden eine Menge guter Argumente, warum man es mit der Paleo Ernährung einmal versuchen sollte. Von den Naturvölkern gibt es noch einiges zu lernen!

The western diet and lifestyle and diseases of civilization. P Carrera-Bastos, M Fontes-Villalba, JH O’Keefe. Res Rep Clin. 2011

(Foto © Stiftung Neanderthal Museum Mettmann)

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