Die Depression gehört nicht nur zu den am häufigsten auftretenden psychischen Erkrankung, sondern verursacht gleichzeitig auch enorme Kosten in unserem Gesundheitssystem. Nahezu jede vierte Frau und jeder sechste Mann macht im Laufe seines Lebens mindestens einmal depressive Erfahrungen. Nur 30-35% aller Depressiven können aktuell von der Medizin erfolgreich behandelt werden.

Wofür hat sich die Natur Depressionen ausgedacht? Gibt es einen biologischen Nutzen? Hätten Homo sapiens mit depressiven Verstimmungen überleben können? Seit einiger Zeit ist bekannt, dass sogenannte stumme Entzündungen im zentralen Nervensystem hinter den Symptome stecken, die durch chronischen Stress ausgelöst werden. Dieser Review-Artikel beschreibt in herausragender Weise, warum Zytokine den Blues spielen, wie der US-Forscher Charles Raison in einem seiner bahnbrechenden Artikel titulierte. Solche Immunbotenstoffe (z.B. Il-6, IL-1beta, TNF-alpha) werden von Immunzellen wie Makrophagen, Monozyten, dendritische Zellen über die „Boulevards“ (Gefäße) ins „Battlefield“ (Entzündungsherd) geschickt, um eine Entzündungsreaktion zu organisieren, die eigentlich gegen alte Feide gerichtet ist. Alte Feinde des Menschen sind Pathogene wie Viren, Bakterien, antinutritive Substanzen in Pflanzen oder tierischen Nahrungsquellen und körpereigene Lipopolysaccharide. Alte Feinde kennt unser Immunsystem seit 2,5 Millionen Jahren – unsere neuen Feinde allerdings noch nicht.

Neue Feinde heißen heute Leistungsdruck, Isolation, soziale Konflikte etc. Mehrere Studien konnten beispielsweise belegen, dass ein geringer sozioökonomischer Status mit erhöhten Entzündungswerten in direkter Verbindung stehen. Was haben Entzündungen mit dem Gehirn zu tun? Eine Darmentzündung ist weit weg vom Oberstübchen. In den letzten Jahrzehnten konnte in vielen Fachgebieten gezeigt werden, dass unser Gehirn über alle Prozesse im Körper informiert sein muss. So auch bei Entzündungen im Darm. Über Zytokine und parasymphatische Nervenfasern erfährt das Gehirn vom Entzündungskampf in der Peripherie. Es muss nun Energie ins „Battlefield“ verteilen, was in ein Sickness Behavior mündet, ähnlich den Grippesymptome.

Bei einer Depression dauert die Grippe leider ein wenig länger, was zu einem Absinken des Serotoninlevels und einer reduzierten Bioverfügbarkeit des Vorläufers Tryptophan auf Gehirnebene führt. Hierdurch entstehen im Endeffekt die typischen Depressionssymptome wie Angst, Schmerzen, Stimmungseintrübung, Lustlosigkeit, Freudlosigkeit und zentralnervöse Ermüdung. Quintessenz: Von einer psychischen Erkrankung zu sprechen, verbietet sich, wenn man wie in diesem Übersichtsartikel, die physiologische Seite einer Depression einmal näher beleuchtet.

Slavich, G.M., and Irwin, M.R. (2014). From Stress to Inflammation and Major Depressive Disorder: A Social Signal Transduction Theory of Depression. Psychol Bull 

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